Der kurbayerische Hoffaktor Abraham Mendle aus Kriegshaber.
Von Louis Dürrwanger-München.

Als mit dem zu Ende gehenden Mittelalter sich der wirtschaftliche Charakter von einer gebundenen Verkehrswirtschaft der Stapel- und Zunftrechte allmählich zu einer freien Wirtschaftsgebahrung umbildete, rief der nun erwachende Merkantilismus — veranlaßt durch zunehmende Bevölkerung und gesteigerten Bedarf in der wirtschaftlichen Organisation — auch die Juden auf den Plan, die seit ihrer Vertreibung aus ihren städtischen Siedlungen (Ghettos) meist in den Vororten Wohnung genommen hatten. Wenn sie dort infolge verschiedener Verkehrshemmungen und anderer Hindernisse sich auch weniger offen in dem ihnen angeborenen Handel betätigen konnten, so gelang ihrem rastlosen Erwerbssinn doch die stille Ansammlung von nicht unbedeutenden Kapitalien in jener Zeit, wo die übrige Bewohnerschaft nahezu verarmt war.
In welchem Grade sie nun durch ihre Geldkraft an der Schaffung des modernen Staates — speziell im Zeitalter des Kommerzsystems (der Ausdruck stammt von Adam Shmith), insbesondere bei der Genesis des modernen Kapitalismus — in die Erscheinung traten, haben verschiedene Nationalökonomen und Wirtschaftshistorjker bereits in großen Zügen beleuchtet.
Es bleibt nun der lokalen Geschichtsforschung überlassen, in archivalischer Kleinarbeit der Wissenschaft weitere Beiträge zum Thema "die Juden und das Wirtschaftsleben“ zu liefern. Denn „gerade die Lokalgeschichtsschreibung, die immer ins Einzelne gehen muß, aber aus ihm typische Gestalten ermittelt, hat stets das erste Wort“ (Dr. Bücher, Freiburg).
Auch der nunmehr nach Augsburg eingemeindete frühere Judenort Kriegshaber hat aus der Zeit des aufgeklärten Absolutismus mehrere solche Typen aufzuweisen, von denen zunächst der kurbayerische bzw. kaiserliche Hof- und Kommerzienfaktor Abraham Mendle (auch Mändl und Mändle geschrieben) behandelt sei.
Er stand durch seine großen Pferde- und Heereslieferungen lange Jahre mit der Krone Bayern in Verbindung und war infolge seiner  Kapitalkraft weit über die den Juden damals vorgezeichnete rechliche Sphäre hinaus gewachsen. So durfte er z.B. Waffen bei seinen  Reisen mitführen, wurde mit „Herr“ angesprochen, hielt sich fast ständig am Hofe auf und hatte in München dauernd einen juristischen Vertreter mit seinen Angelegenheiten beschäftigt.
Schon sein Vater war 1706 mit der Lieferung der Pferde und des Ausrüstungszeuges betraut worden, als nach dem spanischen Erbfolgekrieg das seines Pferdematerials beraubte Augsburger Dragonerregiment durch die Reichsstadt wieder beritten gemacht werden mußte. Als dann 1731 diese Maßnahme auf die ganze kurbayerische Kavallerie ausgedehnt wurde, übertrug man „mit auffallender Regelmäßigkeit dem Pferdehändler A. Mendle auf dem Wege von Lieferungsverträgen die Beschaffung der Pferde und des gesamten Materials“. (Gesch. des kurbayr. Heeres, Kriegsarchiv.) Er begann 1732 mit der Lieferung von 90 Pferden für das Kürassierregiment Rechberg und schon nach zwei Jahren hatten ‚die einzelnen Kompagnien (die Bezeichnung „Eskadron“ kam erst später auf) einen Bestand von je 71 Pferden aufzuweisen. Dabei mußte er bei den jeweiligen Ausmusterungen und Reduzierungen die überzähligen Gäule immer wieder zurücknehmen. Auch zur Kaiserkrönung des Kurfürsten Karl Albrecht hatte er das gesamte Pferdematerial nach Frankfurt zu besorgen und 1741 für ein neu errichtetes Prager Regiment 800 Pferde im In- und Ausland aufzukaufen. Innerhalb der nächsten drei Jahre belieferte er die bayerischen
 
Kürassier-Regimenter mit  2146 Pferden
die Dragoner.Regimenter 4081   Pferden
die Artillerie-Regimenter mit  1520 Pferden
und den neugebildeten Grenzschutz, die Freikompagnie  110 Pferden
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insgesamt also  7857 Pferden,

was bei einem Stückpreise von 105 bezw. 80 Gulden eine Kaufsumme von über 700 000 Gulden ergab. Der Kaufpreis wurde anfänglich zur Hälfte bei Vertragsabschluß, der Rest in wöchentlichen Raten abgetragen.
Wenn man sich vergegenwärtigt, welch ungeheure Verkehrsschwierigkeiten, Zollplackereien und Münzverschiedenheiten bei dem damaligen Kleinstaatwesen zu überwinden waren, kann man erst den Umfang der wirtschaftlichen Leistung richtig sehen. Die Kaufsumme für die letztgenannten Lieferungen allein kommt nach dem heutigen Geldwerte schon mehreren Millionen Reichsmark gleich.

Daß man damals gerade die Juden zu solch großen Heereslieferungen heranzog, war lediglich durch die Geldnot der höfischen und staatlichen Kassen und den in den bürgerlichen Kreisen fehlenden Unternehmungsgeist bedingt; denn nur der jüdische Handelsmann zeigte sich derart gewaltigen Aufgaben durch seine kaufmännische Veranlagung und durch seine die Landesgrenzen überschreitenden Beziehungen gewachsen, wie wir noch sehen werden. Die Krone hatte deshalb auch Interesse, sich ihren Hofjuden aus Kriegshaber möglichst lange zu erhalten. Bei Ausbruch des 7-jähr. Krieges gab sie den damaligen bayer. Grenzstädten Friedberg und Landsberg Weisung, den Mendle mit Familie dort aufzunehmen. (HSTA Mü., Urkunde 223).

Schon 1735 hatte der Hofkriegsrat mit Mendle einen auf acht Monate lautenden Lieferungsvertrag für Brot und Fourage nach Donauwörth und im österreichischen Erbfolgekrieg auf Beschaffung von Zelten, Patronentaschen, Bayonettkuppeln, Flintenriemen und Kollern abgeschlossen. Bei Anlage des Donauwörther Proviantmagazins mußte er innerhalb zehn Wochen 20000 Zentner Mehl und 4000 Scheffel Hafer aufbringen uid während der Belagerung von Rottenburg die ganze Belagerungsarmee mit Mehl versorgen. Auch noch unter Max Josef III. erscheint Mendle als Lieferant für das Proviantmagazin der oberen Pfalz‚ und bei Ausbruch des 7-jährigen Krieges laut Hofkammervertrag als „Admodiateur“ für sämtliches Brot, Heu, Holz, Stroh und den ganzen Hafer.

Als 1758 der Vertrag mit ihm nicht mehr erneuert und ein militärischer Generalproviantdirektor als „Entreprenneur“, Unternehmer, ernannt wurde, mußte alsbald wieder auf Mendles Organisationstalent zurückgegriffen werden, weil sich in der einheitlichen Verpflegung unhaltbare Zustände herausgebildet hatten. Die Klagen über die Mißstände verstummten, sobald er die gesamten Proviantlieferungen wieder aufnahm. Als dann nach Kriegsschluß Juden als Admodiateure nicht mehr in Betracht kommen sollten und ein Regensburger Bürger in dieser Eigenschaft bereits vollständig versagt hatte, kam man neuerdings auf Mendle als Pferdelieferanten zurück. Sein letztes größeres Geschäft mit Kurbayern scheint schließlich die Gestellung von 60 Kürassier- und Dragonrpferde gewesen zu sein; denn das kurfürstliche Hofkriegsrat-Protokoll vom 6. Januar 1767 (Kriegsarchiv) besagt, daß „der Mändl Abrahamb" von Grieshaber Hoffactor und Pferdlieferanth, allhiro verstorben und wir im Verfolg der von Unserer höchsten Stelle Unterm 3. April 1739 erfolgten ......  Spezial Resolution gnädigst wollen, daß auch sein Körper nebst denen dazu gehörigen Leuten frey franco und ungehindert durch Unser Land hinauspassiert und zur Begleitung bis zur Jüdischen Grabstatt nach(her) Grieshaber auf der Juden Unkösten, jedoch ohne Bezeigung äußerlicher Ceremonien 2 Mann von Unserem Leib-Regt. mitgegeben werden sollen. . . .“

Die Geschäftsverbindung blieb zunächst noch mit dem Hoffaktoren Moses Mendle weiterbestehen. Als dieser 1769 zur Einfuhr von 450 Remonten einen Freipaß benötigte, ging an die Maut- und Zollämter der Befehl, der Handelskompagnie (hier begegnet uns also bereits der Ausdruck für die neue Handelsform) jede Unterstützung angedeihen zu lassen. Auch die Höfe von Pfalz-Neuburg, Ansbach, Bayreuth, Bamberg, Würzburg, Sachsen-Koburg und Meiningen, Hessen-Kassel, Braunschweig und Hannover wurden um freien Durchzug angegangen.

Mit der Lieferung von 80 Kutschen- und Reitpferden, 340 Remonten und 46 Hartschierpferden erloschen dann 1771/5 die so groß ausgebauten Beziehungen des Juden Mendle zum bayerischen Hofe.

Die Witwe führte für ihr mit einer Finalabrechnung ausgewiesenes Guthaben von 36838 Gulden noch einen Prozeß durch ihren Rechtsbeistand Lazarus Lemmle von Kriegshaber, der nach der damaligen Sachlage verloren sein mußte. Daß der Fiskus dann der 71-jährigen in Anbetracht ihrer „Notlage“ eine Entschädigung von 100 fl zubilligte, gibt vielleicht die Erklärung hiefür.

Wenn also durch die Ungunst der Verhältnisse die Wirtschaftskurve Mendles steil abfallen mußte, so kann dem kleinen Handelsjuden von Kriegshaber die Leistung seiner wirksamen kaufmännischen Betätigung kaum versagt werden. Er gehört jedenfalls in die Reihe der Schrittmacher seiner Rasse zu jener Zeit, als eben die macula levis für sie fiel und die Zeit einer neuen wirtschaftlich und sozialen Wertung der Judenschaft im Aufsteigen begriffen war .

Seine Persönlichkeit liefert sicher auch eine Unterlage für den Ausspruch des bekannten Wirtschaftshistorikers Dr. Strieder, daß die für die Wirtschaftsgeschichte so außerordentlich wichtige Lokalhistorik ein Erzgang sei, aus dem sich so mancher wertvolle Fund erwarten lasse.

Quellen:

Judenakten des Stadtarchivs Augsburg,
Geschichte des kurbayer. Heeres, Kriegsarchiv.
Österr. Erbfolgekrieg und siebenjähr. Krieg, Kriegsarchiv,
Verwaltungsakten D III, Kreisarchiv München,
Finanzministerium, 289/414.
Hofamtsregister 453, 205.
Hauptstaatsarchiv München, Urk: 223.

Zur Geschichte von (Augsburg-)Kriegshaber
ZHVS Zeitschrift des Historischen Vereins Schwabens, Heft 49, 1933 S. 163-167
Änderungsstand: 08-Apr-2009 / Upd 02-Dez-2018
Heinz Wember