Als im 15. Jahrhundert die Juden von Christen aus der freien Reichsstadt Augsburg vertrieben werden, kamen sie auch nach Kriegshaber. All die Jahrhunderte lebten die Juden unter uns. Aus dieser Zeit haben wir die Judenhäuser, den Judenfriedhof und die Synagoge. Juden saßen mit den Christen auf derselben Schulbank, waren mit uns in denselben Vereinen und schützten unsere Häuser bei der freiwilligen Feuerwehr. Sie kämpften im 1. Weltkrieg als Soldaten für unser gemeinsames deutsches Vaterland. Die Christen wurden zu ihrem Laubhüttenfest eingeladen und gaben ihre Toten bei der Bestattung auf dem Judenfriedhof die letzte Ehre. Die Juden waren auch spendenfreudig. So spendeten sie 1869 für die neue Turmuhr und halfen oft notleidende Mitbürger.
Soweit bekannt und erfahrbar lebten Juden und Christen in Kriegshaber friedlich neben- und miteinander.
Nach der Machtergreifung durch Hitler hat sich daran nicht viel geändert. Doch die Juden hatten Angst um ihre Zukunft. Manche wanderten aus und suchten Asyl in Palästina, England, Amerika und Südafrika. Andere Juden glaubten fest, da sie im 1. Weltkrieg ihr Leben für Deutschland einsetzten, würde ihnen die Nazis nichts antun. Eine große Täuschung.
Vor 50 Jahren in jener schrecklichen Nacht wurde die Synagoge von Kriegshaber verschont. Aus welchen Gründen ist nicht erfahrbar. Vielleicht wurde sie vergessen.
Doch es ging weiter. Den Juden wurden ihre schönen Häuser
weggenommen und der Ortsgruppenleiter und SS-Offiziere zogen ein.
Die Juden mußten schwer im Steinbruch arbeiten und bekamen wenig
zu essen. Da haben Frauen aus Kriegshaber unter Einsatz ihres Lebens bei
Nacht den Juden Lebensmittel überbracht, welche sie auf dem Land erbettelt
hatten. Auch ein in unseren Augen großer Nazi gab einer dieser Frauen
öfters Butter und Käse für seine ehemaligen jüdischen
Nachbarn mit.
Am 1. April 1942 wurden sie ins Konzentrationslager nach Piaski abgeholt, wo die meisten Kriegshaberer Juden umkamen. Andere kamen nach Auschwitz und wurden dort umgebracht. Eine Jüdin kam als einzige lebend zurück aus dem Holocaust.
Am 7. September 1944 kamen 500 ungarische Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz in die Michelwerke, dem jetzigen Gewerbehof. Sie mußten für die Rüstung in den Michelwerken und bei Keller und Knappich arbeiten. Manche erinnern sich noch der kahlgeschorenen Frauen, wie sie mit Holzpantoffeln und braunen Kutten zur Arbeit geführt wurden. Auch diesen hat manche Frau aus unserer Mitte Lebensmittel zugesteckt.
Wenn man vom Kriegshaberer Ortsgruppenleiter absieht, können wir unsere Hände fast in Unschuld waschen gegenüber den Juden.
Wir haben nichts getan. Ja! Wir haben nichts getan, als ihnen ihre Häuser weggenommen wurden, als sie abgeholt wurden in die Vernichtungslager. Ich und viele andere hatten Angst. Wir waren zu feige um zu sagen: Es ist dir nicht erlaubt.
Mögen die Juden und unser gemeinsamer Gott Vergebung schenken.
Wir gedenken unserer jüdischen Mitbürger, welche unter uns gewohnt, über die diese Stufen zu ihren Gottesdiensten gegangen sind und von hier in die Vernichtungslager abholt wurden:
Dick Rosa Kriegshaber
verschollen in Piaski
Dick Albert Kriegshaber
verschollen in Piaski
Einstein Isaak Kriegshaber
verschollen in Auschwitz
Einstein Ida Kriegshaber
verschollen in Auschwitz
Einstein Moritz Kriegshaber
verschollen in Auschwitz
Einstein Max Kriegshaber
tot erklärt in Piaski
Einstein Heinrich Kriegshaber
tot erklärt in Piaski
Einstein Hermann Kriegshaber
verschollen in Auschwitz
Einstein Mina Kriegshaber
verschollen in Auschwitz
Maendle Fanny Kriegshaber
verschollen in Auschwitz
Zebrak Josef Kriegshaber
getötet in Buchenwald 21-Mar-1942
Zebrak Jenny Kriegshaber
tot erklärt in Piaski
Zebrak Hedwig Kriegshaber
tot erklärt in Piaski
Zebrak Rosa Kriegshaber
tot erklärt in Piaski
Zebrak Paula Kriegshaber
tot erklärt in Piaski
Juden und Christen in Kriegshaber, Ansprache von Diakon Franz Kaiser (1927-1991) nach dem ökumenischen Gottesdienst, vor dem Eingang der Synagoge am 9-Nov-1988